Traumwelten: Die Aussichtsplattform


09 Apr
09Apr

Ich war in diesem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Doch anstatt all den Häusern, sah ich hauptsächlich Wiesen und einzelne kleine Einfamilienhäuser. In der Nähe des Hauses, in welchem ich meine Kindheit verbrachte, konnte ich einen Stahlturm in der Ferne erkennen. Mit einer Leiter bis zur Spitze, auf dem höchsten Punkt nahm ich eine Art Plattform wahr. Ich sah mich bereits da oben stehen und nach unten blicken. Das Wetter war herrlich. Warm. Die Sonne strahlte vom Himmel direkt auf mein braun gebranntes Gesicht. Ich sah Löwenzahnblüten überall in der Wiese hervorstechen. Der Anblick glich einem Gemälde. Ich stand an Ort und Stelle und genoss einfach nur, was ich sah. 

Ich blickte nochmals zu diesem Turm und nahm mir vor, dass ich so schnell wie möglich da oben stehen würde. Denn obwohl das Dorf mein Heimatdorf war, war es trotzdem nicht dasselbe. Ich lief auf den Turm zu. Je näher ich kam, umso mehr konnte ich erkennen, dass der Turm aus schwarzem Stahl bestand. Er war riesig und ragte bis in die Wolken hoch. Während ich überlegte, ob ich die Leiter hinaufklettern sollte, sah ich andere Spaziergänger. Einer rief mir zu: „He, da drin gibt es einen Lift. Du musst nicht klettern! Ist einfacher!“ Sein Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen. Ich bedankte mich bei ihm und ging in den Turm hinein. Als ich die Eingangstür öffnete, sah ich direkt den Lift. Ich ging vorsichtig hinein. Der Lift war durch und durch rostig. Die Türen knarrten, als sie zugingen. Während sich der Lift leicht holprig in Bewegung setzte, fragte ich mich, ob ich oben heil ankommen würde. Auch überlegte ich mir, ob der Lift wirklich in die Höhe führte. Denn während ich dastand, überkam mich ein seltsames Gefühl. So, als ob ich beobachtet werden würde. Das kannte ich. Das war immer so, wenn eine Verstorbene Seele, welche das Licht suchte, zu mir im Traum kam. Doch ich konnte durch die rostigen Türen nichts erkennen. Über der Tür erspähte ich Zahlen, die anzeigten, in welchem Stock ich mich befand. Insgesamt neun Stockwerke. Bei der Zahl drei hielt der Lift an. Ich schüttelte innerlich den Kopf und stellte mich auf das Übliche ein. 

Sobald sich die Türen öffnen werden, wird sicherlich eine düstere Seele dastehen und auf mich warten. Eine Seele, die aussah, wie in einer grauen Wolke. Die Kleider schmutzig, das Gesicht düster und gräulich. Die Mimik ausdruckslos, die Gestalt mager mit hängenden Armen. Doch als die Türen aufgingen, sah ich nichts. Nur ein verwahrloster, leerer, staubiger Raum. Ich blieb im Lift stehen und sortierte meine Gefühle. Das eigenartige Gefühl des «Beobachtet Seins» war noch nicht gebannt. Doch es fühlte sich nicht an, als ob mich jemand suchen würde. Also wartete ich darauf, dass die Lifttüren sich wieder schlossen. Der Lift setzte sich mit einem Ruck in Bewegung.  Nach ein paar Sekunden gelang ich zu der höchsten Stelle. Ich stieg aus und sah die Plattform vor mir. Die Sonne schien immer noch. Ein warmer Wind wehte durch meine Haare. Ich roch frische Blumen und Gras, welche gerade zu blühen anfing. Langsam ging ich in Richtung Spitze der Plattform. Als ich ganz vorne ankam, sah ich nach unten. Meine Fussspitzen am Rand der Stahlplatte. Kein Geländer, keine Absperrung. Ich sah die Wiese unter mir, mit wunderschönen, kräftigen Blumen. Einige verstorbene Seelen, die da warteten und sich überlegten, ob sie zu mir hochkommen wollten. Ich sah Hügel, darüber Wolken, die ruhig vor sich hin schwebten und die unendliche Weite der Ebene. Kein Berg weit und breit. 

Die Seelen haben sich entschlossen, mich in Ruhe zu lassen. Ich fühlte mich frei und leicht. Schloss die Augen und genoss die Unbeschwertheit. Ich wollte schon immer hoch hinaus und atmete dann tief ein und aus.

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